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Wir brauchen Ausbildungsverbundsysteme

Landtagsrede vom 13.12.2002 zu TOP 24 – Lage am Ausbildungsmarkt von Helmut Jacobs

Das duale System der beruflichen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland ist inzwischen 105 Jahre alt. Dass es sich bewährt hat, zeigt die Tatsache, dass viele Länder uns um dieses System beneiden und dabei sind, es zu übernehmen. Gleichzeitig aber steckt das duale System zur Zeit in einer Schieflage, weil einerseits die Zahl der Ausbildungsplätze zurückgeht und andererseits die Zahl der Vollzeitklassen an den beruflichen Schulen wächst. 1992 gab es in Schleswig-Holstein rund 400 berufsvorbereitende Vollzeitklassen. Diese Zahl ist im Jahre 1998 auf 470 angestiegen und liegt jetzt bei über 500. Hier wird deutlich, dass sich die Finanzierungslasten der dualen Ausbildung zu Lasten des Landes verschieben. Wir sollten dringend anstreben, die ursprünglichen Finanzierungsanteile der an der dualen Berufsausbildung Beteiligten wieder zu erreichen. Während über 60 Prozent aller Schul-abgänger in das duale System hinein streben, sind nur noch weniger als 25 Prozent aller Betriebe bereit auszubilden. In den letzten zehn Jahren ist jeder fünfte Ausbildungsplatz weggefallen, bei den Großbetrieben sogar jeder dritte. Im Vergleich zu anderen Bundesländern steht Schleswig-Holstein allerdings noch gut da, weil hier die Wirtschaftsstruktur überwiegend mittelständisch geprägt ist und das Handwerk durch eine hohe Ausbildungsquote eine positive Ausnahme darstellt. Wir hatten in den letzten Jahren stets erfolgreiche Ausbildungsbündnisse, die unter großen Kraftanstrengungen und mit Klinkenputzaktionen auf allen Ebenen die Ausbildungsbereitschaft mobilisiert haben. Wir müssen aber zugeben: Es war jedes Mal eine Zitterpartie. Ich behaupte, dass die Ausbildungs-bereitschaft hauptsächlich wegen der schlechten Konjunkturlage zurückgeht. Aus der Sicht der Handwerksmeister gibt es andere konkrete Gründe; sie nennen z.B.: · mangelnde Disziplin und zu wenig Durchhaltevermögen der Auszubildenden, · mangelndes Engagement bei den Auszubildenden, · gestiegenes Kostenbewusstsein der Kunden, die sich beschweren, wenn sie einen Auszubildenden bezahlen sollen, und so weiter. Als weitere Ausbildungshemmnisse werden hohe Ausbildungskosten, eine angeblich schlechte Vorbildung der Hauptschüler und die mangelnde Mobilität der jungen Menschen genannt. Und es wird immer wieder der vermehrte Berufsschulunterricht angeführt, der angeblich die Anwesenheit der Auszubildenden im Betrieb erheblich verringert habe. Aber gerade in dieser Frage sind wir in der Vergangenheit den Betrieben stets entgegen gekommen und haben fast jeden Vorschlag akzeptiert, der den Interessen der Betriebe Rechnung trägt, aber den notwendigen berufsfachlichen und allgemeinbildenden Berufsschulunterricht nicht zu kurz kommen lässt. Bei einem immer enger werdenden Ausbildungsplatzmarkt sind die Hauptleidtragenden zuallererst diejenigen Jugendlichen, die aufgrund fehlender Schulabschlüsse, gesundheitlicher Beeinträchtigungen oder sozialer Probleme in der Konkurrenz nicht mehr mithalten können. Für diese lernschwächeren Jugendlichen müssen Berufswege erarbeitet werden, die zu Teilqualifikationen führen, welche nach beruflicher Bewährung in Vollqualifikationen umgewandelt werden könnten. Ihre berufliche Ausbildung müsste stärker praxisorientiert und von einigem theoretischem Ballast befreit sein. Auch wenn in den letzten Jahren auf diesem Gebiet schon viel passiert ist, fordern wir Bund und Länder, Arbeitgeber und Gewerkschaften auf, die Ausbildungsordnungen noch schneller zu entrümpeln und noch intensiver neue zu schaffen. Wenn die Ausbildungsplätze knapp werden, müssen vorhandene gepflegt werden. D. h. es müssen Maßnahmen erfolgen, die dazu beitragen, die Abbrecherquoten zu senken und Mehrfachzusagen zu verhindern. Einiges geschieht bereits durch Verbesserungen auf dem Gebiet der Berufsfindung und durch Maßnahmen, die wir im Landtag zur Stärkung der Hauptschule beschlossen haben. Wir brauchen mehr Ausbildungs-verbundsysteme, und die jungen Menschen müssen überzeugt werden, mobiler und flexibler zu sein, um vorhandene Ausbildungsplätze zu besetzen. Ich erwarte aber auch, dass die Ausbildungsbetriebe auf die Hauptschule zugehen und konkret sagen, was sie von ihr erwarten. Nur im Zusammenwirken von Haupt- und Berufsschule, von Ausbildern und Politik lässt sich die schlechte Ausbildungsplatzsituation bewältigen.